„Der längste Altar der Welt“ - Menschen feiern am Tisch entlang der Königstraße
„Darf ich Ihnen die Füße waschen?“ fragt die Frau mit der großen Kunstblume im Haar und strahlt übers ganze Gesicht. Eine Passantin kann sich dem charmant vorgetragenen Angebot nicht entziehen. Sie schlüpft aus den Schuhen und bekommt mitten auf der Stuttgarter Königstraße eine Fußdusche aus der Gießkanne.
Einige Meter weiter steigen wie auf Kommando zehn weiß gekleidete Männer und Frauen auf Hocker, schlagen Bibeln auf und lesen Brot-Geschichten. Stadtbummler bahnen sich den Weg durch die Klangwolke. Viele bleiben stehen und lauschen.
Der "längste Altar" wirkt durch seine Präsenz
Wer sich näher über Sinn und Zweck dieser Aktionen rund um einen mitten in der Fußgängerzone installierten, 230 Meter langen Tisch informieren möchte, wendet sich an einen der zahlreichen Mitarbeiter. Die sind mit ihren Namensschildern leicht erkennbar. Sie erläutern, dass „der längste Altar der Welt“ eine Aktion der evangelischen Kirche zum Start des neu gegründeten evangelischen Kirchenkreises Stuttgart ist. Megafone und aufdringliche Werbung gibt es keine. Der „längste Altar“ wirkt durch seine Präsenz.
Vieles ist geboten an diesem Julisamstag: Schülertheater, Clownerie, es gibt eine Bibliothek und eine Kinderecke. Erwachsene tippen selbstvergessen Grußbotschaften auf mechanischen Schreibmaschinen und stecken sie zwischen die Bohlen des „Altars“. Jugendliche machen es sich in den roten Kissen des „Chill-Bereichs“ bequem.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten Becher mit frischem Leitungswasser an und verschenken Stücke von frischem Brot. Abends werden über 10.000 Becher Wasser und 600 Brotlaibe ausgegeben sein. „Erstaunlich, wie begeistert die Menschen das Brot annehmen“, freut sich eine Mitarbeiterin. Und wundert sich zugleich: „Es ist doch nur Brot. Aber im Überfluss unserer Zeit freuen sich viele Leute gerade über diese schlichte Geste.“
Freiraum
So verwandelt sich an diesem Sommertag die Konsummeile Königstraße. Unter der Allee in der Mittelachse entsteht ein freundlicher und inspirierender Raum, der zu überraschenden Begegnungen und Entdeckungen einlädt. „Wir wollen diesen Grünstreifen als Ruhepol und Gegenwelt zum Kommerz stärken“, sagt Jugendpfarrerin Petra Dais. Sie hat die Aktion gemeinsam mit Projektleiterin Claudia Trauthig und dem jungen Architektentrio „Kirchentrojaner“ entwickelt. Dais: „Der Altar ist das Zentrum in jeder Kirche. Er erinnert uns daran, dass wir an Gottes Tisch eingeladen sind, um uns zu stärken an Leib und Seele.“ Mit der Altarskulptur werde diese zentrale christliche Botschaft auf der Straße erlebbar.
Schon frühmorgens, beim Aufbau mit 80 Helferinnen und Helfern, sei mit Händen greifbar gewesen, „dass der neue Kirchenkreis konkret wird“, berichtet Kirchentrojaner Gerald Klahr. Sein Kollege Martin Blumenroth hofft, „dass die Mitarbeiter durch die Präsentation in der Öffentlichkeit Mut gewinnen, auch in der Gemeinde etwas zu verändern."
Christoph Schweizer
Der längste Altar auf Youtube: http://de.youtube.com/dilato2008
