Bad Cannstatt: Die Kirche geht auf die Straße
Vom 8. bis 11. Juli haben wir eine Reihe von Gottesdiensten im öffentlichen Raum gefeiert. Am Dienstagabend, 8. Juli ging es auf dem Stuttgarter Marktplatz um das Verhältnis von Glaube und Kommunalpolitik, am Abend des 9. Juli im Bürgerforum S-Vaihingen um Glaube und Geld, am Freitagabend, 11. Juli in Bad Cannstatt um Heimat und Fremdsein.
Verwundert reiben sich die Gäste im Café gegenüber der Bad Cannstatter Stadtkirche die Augen: Ein Pfarrer im Talar vor der Kirchentür, ein Posaunenchor auf dem Platz vor der Kirche, ein Altar aus groben Holzbohlen und eine Gottesdienstgemeinde mitten in der Fußgängerzone. Viele Passanten fragen den Begrüßungsdienst neugierig, was da gefeiert wird. „Ein Gottesdienst zum Start des Kirchenkreises. Wir gehen mit der Kirche bewusst auf die Straße, auf die Menschen zu“, erklärt Pfarrerin Claudia Trauthig immer wieder.
„Jeder, der hier lebt, ist ein Stuttgarter“ heißt das Motto an diesem Freitagabend (11. Juli). Es geht um Heimat und Fremdsein in diesem Stadtteil mit seinem hohen Anteil an Migranten. „Wo Menschen so vieler Nationalitäten und mit unterschiedlichen Religionen auf engem Raum zusammenleben, da gibt es verschiedene Befürchtungen. Das müssen wir wahrnehmen“, sagt der Cannstatter Dekan Gustav-Adolf Dinkelaker. Deshalb sei es für In- und Ausländer „eine bleibende Herausforderung, miteinander zu reden und zusammen zu überlegen: Was ist unsere gemeinsame Aufgabe in der Stadt?“ In Anspielung an die Lokalhistorie – Cannstatt lag im Mittelalter an wichtigen Handelsstraßen – sagt Pfarrer Roland Spur: „Mit den Waren und den Kaufleuten kommen Ideen, Gedanken und verschiedene Religionen.
Cannstatt war von Anfang an multikulturell.“
Bild links: Sinnbilder für den multikulturellen Hintergrund der Cannstatter Marktstraße - die syrischen Heiligen Cosmas und Damian, einst Namenspatrone der Stadtkirche, sowie ein römischer und ein germanischer Soldat.
Als der Gottesdienst wegen Regens in die Kirche verlegt wird, bleiben die Kirchentür
en auf. Posaunenklänge und Gesang schallen auf die Straße hinaus. Immer wieder schauen Interessierte herein. Viele bleiben. Und wie beim Längsten Altar, beim Blind Date oder beim biblischen Improvisationstheater sagen auch an diesem Abend viele: Eigentlich müssten wir so was öfter machen. – Kirche zieht Kreise…
Christoph Schweizer
"Suchet der Stadt Bestes"
Rund 150 Besucher und über 100 Mitwirkende trotzten dem wechselhaften Wetter beim Gottesdienst am 8. Juli auf dem Stuttgarter Marktplatz. Unter dem Motto "Suchet der Stadt Bestes" forderte der evangelische Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich, die Politik ins Gebet zu nehmen. Dies sei "eine bleibende Verpflichtung für die Gemeinden", sagte Ehrlich.
Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) sagte, "die Stadt" seien alle, die dort l
ebten und sich einbrächten. In einer immer pluraler werdenden Gesellschaft müssten Kompromisse für die verschiedenen Anliegen der Bürger gefunden werden. Die Stadtratsmitglieder Klaus Nopper (CDU), Annette Sawade (SPD), Rose von Stein (FDP) und Michael Kienzle (Bündnis 90/Die Grünen) sprachen sich dafür aus, gemeinsam mehr für das Zusammenleben in der Stadt zu tun.
Ein rund 100-köpfiger Kirchenkreis-Posaunenchor (Leitung: Hans Holzwarth) und das Rathaus-Glockenspiel (gespielt von Elsie Pfitzer) musizierten.
Dorothee Kolnsberg (epd) / Christoph Schweizer
Sie sind interessiert an der Predigt von Stadtdekan Hans-Peter Ehrlich oder am Text "Vom Garten zur Stadt", einer "Poetischen Reise durch die Heilige Schrift" von Pfarrer Eberhard Schwarz? Klicken Sie hier: Vom Garten zur Stadt / Predigt Stadtdekan Ehrlich.
"Vermögen bedeutet, etwas bewegen zu können"
„Reiche Frauen haben in unserer Gesellschaft keine Vorbilder“, sagte Karin Stellwaag vom Erbinnen-Netzwerk Pecunia e.V. gestern (9. Juli 2008) beim Gottesdienst zum Thema Glaube und Geld in Stuttgart-Vaihingen. Sie wies darauf hin, dass Frauen in Deutschland bis 1956 nicht eigenständig über ein geerbtes Vermögen verfügen durften. Stellwaag: „Wo man es mit richtig viel Geld zu tun hat, da hat man es bis heute vor allem mit Männern zu tun.“ Das Netzwerk Pecunia möchte deshalb Erbinnen „zu einem selbstbestimmten und verantwortungsvollen Umgang mit geerbtem Vermögen“ ermutigen. Für Stellwaag birgt ihr Vermögen die Chance, etwas in ihrem Sinn bewegen zu können. „Um allerdings zu erreichen, dass die Diskriminierung von Frauen aufhört – dazu reicht mein Geld nicht“, sagte Stellwaag.
Auch das Geld der Kirche reicht nicht aus, um „die Gerechtigkeit auf Erden zu schaffen“. Immerhin aber „kann die Kirche mit ihrem Geld manches Gute bewirken, beispielsweise bei der Begleitung Sterbenskranker in Sitzwachengruppen oder bei der Mobilen Jugendarbeit“, sagte Kirchenpfleger Hermann Beck, der Verwaltungschef der Evangelischen Kirche in Stuttgart. Beck: „Wir können mit unserem Geld erreichen, dass für einen Menschen der Tag besser wird.“
Christoph Schweizer
Die Dokumentation "Bibelepos - Theatersportliche Impro-Show" (10. Juli, Theaterhaus Stuttgart) finden Sie hier.
